Unser Alltag – ehrlich, herzlich und manchmal sehr herausfordernd
Eine Schwester zu bekommen, war für Finn zunächst überhaupt nicht leicht.
Plötzlich musste er warten. Plötzlich stand er manchmal hinten an. Vor allem dann, wenn ich arbeiten war und schlicht nicht mehr genug Erwachsene da waren, um ihn dauerhaft wahrzunehmen und adäquat zu begleiten.
Für Finn bedeutete das: weniger Aufmerksamkeit, weniger Kontrolle, mehr innere Anspannung.
Das ging zeitweise sehr weit. Es kam zu Gewaltausbrüchen gegen seine Schwester und zu Aussagen wie: „Ich wünschte, Lena wäre nie geboren worden."
Das sind Sätze, die weh tun. Und trotzdem sagen sie mehr über Überforderung als über echte Ablehnung.
Entwicklung braucht Zeit – auf beiden Seiten
Mit zunehmendem Alter von Lena hat sich auch das Verhältnis der beiden verändert.
Je selbstständiger sie wurde, je besser sie kommunizieren konnte, desto mehr wuchs auch ihre Beziehung zueinander.
Heute gibt es Nähe. Es gibt gemeinsame Momente. Und es gibt ehrliche Zuneigung.
Was allerdings nicht funktioniert hat – und auch heute noch nicht funktioniert (Finn ist aktuell 7, Lena 4) – ist das alleinige gemeinsame Spielen.
Dabei muss immer eine erwachsene Person in der Nähe sein. Nicht zur Kontrolle, sondern zur frühen Wahrnehmung.
Denn Finn zieht seine Grenze nicht leise. Wenn es für ihn zu viel wird, kommt es zu plötzlichen Gewaltexplosionen.
Und seine kleine Schwester ist dem völlig hilflos ausgeliefert.
Gerade aktuell neigt Lena zudem dazu, Finn bewusst oder unbewusst zu triggern. Nicht aus böser Absicht – sondern aus kindlicher Neugier und fehlendem Verständnis.
Wie wir versuchen, beide Kinder zu schützen
Gemeinsam mit den Therapeut:innen haben wir versucht, Lena behutsam an das Thema „besondere Kinder" heranzuführen.
Über:
- Vorlesegeschichten
- Gespräche
- einfache Erklärungen
Sie weiß heute, dass Finn anders ist. Dass er schneller überfordert ist. Und dass er Dinge nicht absichtlich tut.
Aber: Intellektuell ist sie einfach noch nicht so weit, das alles wirklich zu verstehen oder einzuordnen.
Deshalb wiederholen wir vieles. Immer wieder.
Wenn es zu viel wird, greifen wir ein. Und nach schwierigen Situationen besprechen wir mit ihr in Ruhe, was passiert ist und wie man es beim nächsten Mal vielleicht besser machen kann.
Ohne Schuldzuweisung. Ohne Druck. Aber mit Klarheit.
Unsere Lösungen
- Keine unbeaufsichtigten Spielsituationen
- Klare Regeln zum Schutz beider Kinder
- Frühzeitiges Eingreifen bei Überforderung
- Altersgerechte Erklärungen für die Schwester
- Wiederholte Gespräche statt einmaliger „Aufklärung"
- Enge Zusammenarbeit mit Therapeut:innen
- Akzeptanz, dass Entwicklung unterschiedlich schnell verläuft
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Geschwister von autistischen Kindern stehen oft vor besonderen Herausforderungen.
Studien zeigen:
- erhöhte emotionale Belastung
- Rollenkonflikte
- gleichzeitige Nähe und Überforderung
Gleichzeitig profitieren Geschwister langfristig häufig von:
- hoher Empathiefähigkeit
- sozialer Sensibilität
- differenzierter Wahrnehmung
Entscheidend ist, dass alle Kinder geschützt werden und nicht von ihnen erwartet wird, Situationen alleine zu regulieren, die sie überfordern.
Quellen (Auswahl):
DSM-5-TR: Autism Spectrum Disorder
American Academy of Pediatrics: Siblings of Children with ASD
Hastings (2003)
Macks & Reeve (2007)
Was wir daraus gelernt haben
Geschwisterbeziehungen im Autismus-Kontext sind oft komplex. Und selten „einfach".
Sie brauchen: Zeit. Begleitung. Und vor allem Schutz – für alle Beteiligten.
Nähe darf wachsen. Aber Sicherheit hat immer Vorrang.