Kurz vorab
Ich möchte niemandem zu nahe treten – insbesondere keinen Familienangehörigen. Was folgt, ist kein Vorwurf, sondern ein Bericht aus unserer Wahrnehmung.
Subjektiv. Ehrlich. Und rückblickend erstaunlich lehrreich.
Die Anfangsphase – viele Meinungen, wenig Ahnung
Am Anfang hörten wir immer wieder:
„Ist das ein aufgeweckter Junge!"
„Ihr müsst ihm mehr Grenzen setzen."
„Ihr seid die Erwachsenen – lasst euch das nicht bieten."
Gut gemeint. Konsequenzreich.
Und – wie wir heute wissen – hochgradig kontraproduktiv.
Denn das Ergebnis dieser „klaren Kante" waren keine Lerneffekte, sondern reihenweise Meltdowns von Finn.
Damals wussten wir noch nicht, warum.
Heute wissen wir: Weil Überforderung keine Erziehungsmethode ist.
Nach der Diagnose – jetzt wurde es kompliziert
Als die Diagnose schließlich da war, änderte sich der Ton.
Nicht unbedingt zum Besseren.
Plötzlich hieß es:
„Ach ja, heute hat ja jeder ADHS und Autismus."
„Früher waren das einfach aufgeweckte Kinder."
„Der Junge muss sich mal richtig auspowern!"
Kurzfassung:
Die Diagnose erklärte viel –
wurde aber nicht von allen akzeptiert.
Du merkst:
Es war… herausfordernd.
Die legendäre Familienfeier
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine familiäre Geburtstagsfeier. Ich glaube, es war ein runder Geburtstag – zumindest für die Nerven aller Beteiligten.
Finn rannte außer Rand und Band um einen Tisch.
Ein Verwandter schaute fassungslos.
Die Kinnlade fiel.
Der Kopf wurde geschüttelt.
Dieser Teil der Familie lädt uns übrigens nicht mehr ein.
Ja, das gibt es auch.
Vielleicht hätte ich das Gespräch suchen sollen.
Vielleicht auch nicht.
Im Sinne des lieben Familienfriedens habe ich es gelassen –
und ehrlich gesagt: Finn hat dadurch nichts verloren.
Großeltern – zwischen Widerstand und Überraschung
Gerade den Großeltern zu erklären, was Autismus und ADHS eigentlich bedeuten und wie man damit umgeht, fühlte sich lange an wie Reden gegen Wände.
Und dann kam die Überraschung.
Opa setzte sich hin.
Las.
Informierte sich.
Und baute eine wundervolle Beziehung zu Finn auf.
Oma gibt sich ebenfalls große Mühe und macht vieles richtig – sie trägt allerdings auch ihr eigenes Päckchen, was nicht immer alles leicht macht.
Unterm Strich können wir aber sagen:
Mit Opa haben wir eine Person,
die Finn jederzeit auch alleine sehr gut betreuen kann.
Das ist unbezahlbar.
Der Lernprozess – langsam, aber nachhaltig
Nach ein paar Jahren haben dann alle verstanden:
Wenn wir nicht kommen können – hat das Gründe.
Wenn nur einer von uns mit Lena kommt – hat das Gründe.
Wenn wir nur kurz bleiben, um die Abendbrotzeiten zuhause regelgerecht einzuhalten –
hat das sehr gute Gründe.
Wir haben Angehörigen Lernkarten gegeben.
Ablaufpläne gezeigt.
Gespräche geführt.
Manches mehrfach.
Und irgendwann änderte sich die Frage von
„Warum macht ihr das so?"
zu
„Was können wir beim nächsten Mal besser machen, damit es Finn gut geht?"
Unsere Lösungen
- Geduld – auch mit Erwachsenen
- Erklären statt rechtfertigen
- Abläufe sichtbar machen (Pläne, Karten, Beispiele)
- Klare Entscheidungen: Kommen, bleiben, gehen
- Nicht jeder muss alles verstehen – aber respektieren reicht
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Soziale Missverständnisse: Familien von Kindern im Autismus-Spektrum erleben häufig fehlendes Verständnis im Umfeld, insbesondere vor oder trotz einer Diagnose.
Psychoedukation wirkt: Aufklärung und konkrete Beispiele (Abläufe, Regeln, Bedürfnisse) verbessern Akzeptanz und Kooperation innerhalb der Familie.
Schutz durch Struktur: Eltern, die konsequent Rahmenbedingungen setzen (Dauer, Teilnahme, Rückzug), reduzieren Stress für das Kind und für sich selbst.
Quellen (Auswahl):
American Academy of Pediatrics: Supporting Families of Children with ASD
DSM-5-TR: Autism Spectrum Disorder
Karst & Van Hecke (2012): Parent and Family Impact of Autism Spectrum Disorders
Was wir daraus gelernt haben
Nicht jede Kritik ist böse – aber nicht jede ist hilfreich.
Familie braucht manchmal länger als Diagnosen.
Manche lernen durch Gespräche, manche durch Abstand.
Akzeptanz ist wichtiger als Verständnis.
Und: Es ist okay, Einladungen abzulehnen – auch dauerhaft.