Die schwierige Anfangszeit
Die Kleinkindzeit von Finn war für mich als Vater überhaupt nicht leicht.
Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt: Finn hat teilweise bis zu drei Stunden am Stück geweint, ist nachts mindestens alle zwei Stunden aufgewacht und war tagsüber oft kaum zu beruhigen.
Und ich wusste nicht warum.
Dieses Nichtwissen hat mich immer wieder in Situationen gebracht, in denen es zu Konfrontationen kam. Zu Lautstärke. Und leider auch zu Worten, auf die ich heute nicht stolz bin.
Ich wollte, dass Dinge funktionieren. Ich wollte, dass er „mitmacht". Ich wollte, dass er versteht.
Ich war doch der Erwachsene.
Aber genau das war das Problem: Ich hatte keine Lösungsansätze, nur Erwartungen.
Der innere Konflikt
Am Ende solcher Tage habe ich mir immer wieder gesagt: So will ich nicht sein.
Und gleichzeitig wusste ich nicht, wie ich es anders machen sollte.
Als meine Frau dann vorschlug, eine Diagnostik bei Finn zu machen, war meine erste Reaktion Ablehnung.
Ich fand das „total doof".
In meinem Kopf bedeutete das:
- ein Stempel
- eine Schublade
- eine lebenslange Etikettierung
Ich hatte Angst davor, dass ihm etwas „aufgedrückt" wird.
Der eigentliche Wendepunkt
Rückblickend muss ich ganz klar sagen: Genau diese Diagnostik war der Gamechanger.
Nicht für Finn – sondern für mich.
Plötzlich hatte das Verhalten einen Rahmen. Eine Erklärung. Einen Kontext.
Ich konnte mich gezielt mit dem Thema auseinandersetzen, mich informieren und mein eigenes Verhalten anpassen.
Nicht mehr aus dem Bauch heraus, sondern mit Verständnis.
Wenn Verständnis Schuld ersetzt
Mit dem Wissen kam Veränderung. Mit der Veränderung kam Entlastung.
Die Situation zu Hause wurde ruhiger. Strukturierter. Vorhersehbarer.
Und damit verschwand auch etwas, das mich lange begleitet hatte: Schuldgefühle.
Nicht, weil ich perfekt geworden bin. Sondern weil ich verstanden habe, warum Dinge eskalieren – und wie man ihnen vorbeugen kann.
„Ich war heute fies" wurde irgendwann kein tägliches Thema mehr.
Nicht, weil es keine schwierigen Tage mehr gibt, sondern weil es Handlungsoptionen gibt.
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum berichten signifikant häufiger von:
- chronischem Stress
- Überforderung
- Schuld- und Versagensgefühlen
Studien zeigen, dass diese Gefühle nicht durch mangelnde elterliche Kompetenz entstehen, sondern durch:
- fehlendes Wissen
- anhaltenden Schlafmangel
- wiederholte Eskalationen ohne Erklärung
Die Forschung belegt zudem, dass eine frühe Diagnostik und psychoedukative Begleitung der Eltern nicht nur dem Kind hilft, sondern die elterliche Selbstwirksamkeit deutlich erhöht.
Mit wachsendem Verständnis sinken Schuldgefühle, während Empathie, Regulation und Beziehungsqualität zunehmen.
Quellen (Auswahl):
Hastings & Brown (2002)
Karst & Van Hecke (2012)
DSM-5-TR: Autism Spectrum Disorder
American Psychological Association
Was wir daraus gelernt haben
Schuldgefühle sind ein Zeichen von Verantwortung. Aber sie sind kein guter Ratgeber.
Wissen, Struktur und Verständnis ersetzen keine perfekte Erziehung – aber sie schaffen eine bessere Basis.
Und manchmal ist der wichtigste Schritt nicht, alles richtig zu machen, sondern zu verstehen, warum es falsch läuft.