Mein Arbeitsalltag – konstanter Hochstress
Ich arbeite im Schichtdienst auf einer großen Intensivstation.
23 Betten. Über 1.000 Patientinnen und Patienten im Jahr. Interdisziplinär. Großes Traumazentrum. Notfallfunk. Adipositaschirurgie.
Es bimmelt immer irgendetwas.
Der Stress ist konstant. Entscheidungen sind oft lebensrelevant. Ruhe gibt es kaum.
Zuhause: ein zweites Hochstress-System
Zu Hause sieht es anders aus – aber nicht weniger belastend.
Es ist rummelig. Es schreit oder weint ständig jemand. Ruhzeiten sind stark begrenzt.
Dauerstress.
Ein kleines Kind wie Finn – oder auch Lena – kann nicht verstehen, dass Papa gerade aus einer Nachtschicht kommt oder emotional eigentlich leer ist.
Und ehrlich gesagt: Irgendwann konnte ich es auch nicht mehr.
Der Punkt, an dem es nicht mehr ging
Wir haben Dinge verändert, weil es nicht mehr auszuhalten war.
Und das meine ich genau so.
Ich wollte mehrfach ausziehen. Einfach nur weg. Nicht, weil ich meine Familie nicht liebe, sondern weil ich keinen Raum mehr hatte, um überhaupt zu funktionieren.
Konsequente Entscheidungen
Wir haben dann Entscheidungen getroffen, die nicht bequem waren, aber notwendig.
Ich bin von meiner Leitungsposition zurückgetreten. Fast 100 Mitarbeitende können ganz schön Stress machen – zusätzlich zu allem anderen.
Meine Frau ist zurück in die Elternzeit gegangen und arbeitet aktuell nur noch freitags.
Ich habe mir freitags eine Schicht gelegt, die es mir ermöglicht:
- die Kinder zur Kita und Schule zu bringen
- Finn wieder abzuholen
Struktur.
An den anderen Tagen kümmert sich meine Frau um die Abläufe.
Übergänge auch für Erwachsene
Wenn ich aus dem Dienst nach Hause komme, habe ich immer etwa 30 Minuten für mich, bevor ich ins Tagesgeschehen einsteige.
Keine Gespräche. Keine Entscheidungen. Runterfahren.
Erst danach bin ich wieder ansprechbar.
Das war keine Kür, sondern eine Notwendigkeit.
Planung schafft Sicherheit
Für Finn haben wir einen Tagesplan, den meine Frau sonntags abends gemeinsam mit ihm für die kommende Woche erstellt.
Darin steht auch ganz klar: Wann bin ich da? Wann nicht?
Diese Transparenz gibt Finn Sicherheit. Und uns Ruhe.
Eine ehrliche Einschätzung
So ehrlich muss ich sein: Mein Beruf ist nicht optimal geeignet für eine junge Familie mit einem besonderen Kind.
Das heißt nicht, dass es unmöglich ist.
Aber es bedeutet:
- bewusste Prioritäten
- harte Entscheidungen
- und das Akzeptieren von Grenzen
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Schichtarbeit, insbesondere im Gesundheitswesen, ist mit erhöhtem Risiko für:
- chronische Erschöpfung
- emotionale Dysregulation
- Schlafstörungen
- familiäre Belastung
Studien zeigen, dass Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen zusätzlich einer deutlich höheren psychischen und organisatorischen Belastung ausgesetzt sind.
Besonders problematisch ist die Kombination aus:
- unvorhersehbaren Arbeitszeiten
- fehlenden Erholungsphasen
- hoher emotionaler Beanspruchung
Forschungsergebnisse belegen jedoch auch, dass klare Strukturen, vorhersehbare Abläufe und bewusst eingeplante Übergangszeiten die familiäre Stabilität deutlich verbessern können.
Quellen (Auswahl):
Costa (2003): Shift Work and Health
Åkerstedt (2005)
Karst & Van Hecke (2012)
DSM-5-TR: Autism Spectrum Disorder
Was wir daraus gelernt haben
Schichtarbeit und besonderes Kind ist möglich – aber nicht ohne Kompromisse.
Struktur hilft nicht nur dem Kind, sondern auch den Erwachsenen.
Und manchmal ist die wichtigste Entscheidung die, etwas loszulassen, um anderes zu gewinnen.