Unser Abend – ehrlich, müde und erstaunlich durchorganisiert
Schlafen ist bei uns kein spontanes „So, ab ins Bett", sondern ein sorgfältig geplanter Großbetrieb mit Zeitmanagement, Medikation und klaren Zuständigkeiten. Grundregel: Immer derselbe Ablauf, streng orientiert am Tagesplan.
Schon früh wird geklärt, wer wen ins Bett bringt: Papa Lena oder Papa Finn, Mama Lena oder Mama Finn – nichts wird dem Zufall überlassen. Überraschungen sind auch hier eher… suboptimal.
Nach dem Essen wird eine Spielzeit ausgehandelt. Nicht geschätzt, nicht gefühlt – vereinbart. Dann wird ein Wecker gestellt. Der Wecker ist Gesetz.
Wenn der klingelt, geht's weiter:
Zähne putzen.
Dann bekommt Finn seine Medikamente.
Kleiner medizinischer Exkurs aus dem echten Leben:
Medikinet sorgt beim Abklingen gerne für einen Rebound, der Einschlafen nicht gerade fördert.
Deshalb bekommt Finn abends Melatonin zusätzlich zu seiner Risperdal-Tablette.
Nicht aus Spaß, sondern aus Erfahrung.
Während die Kinder spielen, bereiten ich oder meine Frau schon mal die Wasserflasche fürs Bett vor.
Im Zimmer wird außerdem geprüft:
Nachtlicht? An.
Alles gut? Gut.
In der Spielzeit räumen wir (also ich und Elisabeth) auf. Multitasking auf Elternniveau.
Finn schläft ausschließlich in Unterhose. Schlafanzüge stören, Kleidung nervt, Schwitzen ist garantiert – also lassen wir es gleich.
Wenn am nächsten Tag Schule ist, kündigen wir das vorher an. Vorhersehbarkeit schlägt Überraschung – immer.
Dann sagen alle „Gute Nacht", und die Kinder werden ins Bett gebracht.
Jetzt kommt der kulturelle Unterschied:
Bei mir (Schande über mein Haupt) gibt es meistens
eine kurze Folge Minecraft auf YouTube oder eine Wissenssendung.
Meine Frau macht es pädagogisch korrekt
und liest immer eine Geschichte vor.
Nach der Folge bzw. nach der Geschichte wird ausgeschaltet, das Buch zur Seite gelegt – und dann soll geschlafen werden.
Finn möchte seine Augen dabei nicht schließen. Er hält sie offen, bis sie zufallen. Er erwartet außerdem, dass wir so lange neben ihm liegen, bis er eingeschlafen ist. Abweichungen führen zuverlässig zu einem Meltdown.
Zusätzlich wird noch eine ganze Weile herumgewackelt. Eine schwere Decke haben wir ausprobiert – wurde abgelehnt.
Das Einschlafen dauert bei uns zwischen 30 Minuten und 2 Stunden.
Einmal (wirklich nur einmal) kam es vor, dass meine Frau die Medikamente vertauscht hat und Finn abends eine Medikinet-Kapsel bekam. Er war dann die ganze Nacht wach. Ist zum Glück nur dieses eine Mal passiert.
Wenn ich Dienst habe, liest meine Frau mit beiden Kindern zusammen eine Geschichte. Danach wird – natürlich vorher besprochen – ein Kind nach dem anderen ins Bett gebracht. Wenn Lena zuerst dran ist, darf Finn noch eine Folge Minecraft schauen.
Zur Einordnung:
Lena ist (NOCH) ein
„Ich berühre das Bett und schlafe ein"-Mensch.
Unsere Lösungen
- Immer gleiche Abläufe nach festem Zeitplan
- Klare Absprachen: Wer bringt wen ins Bett
- Wecker statt Diskussionen
- Feste Reihenfolge: Spielen – Zähne – Medikamente – Bett
- Anpassung an Sams Schlafbedürfnisse (Kleidung, Licht, Begleitung)
- Einschlafen darf dauern
- Wir bleiben dabei – auch wenn es lange dauert
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Vorhersehbarkeit und Routinen: Kinder im Autismus-Spektrum profitieren stark von festen Abläufen, besonders bei Übergängen wie Schlafenszeiten. Konsistente Rituale reduzieren Stress und Reizüberflutung.
Sensorische Besonderheiten: Viele autistische Kinder reagieren sensibel auf Kleidung, Licht, Geräusche oder Körperkontakt. Das Einhalten individueller Präferenzen (Unterhose statt Schlafanzug, Nachtlicht, Lieblingsdecke) erleichtert das Einschlafen.
Medikamente und Schlafregulation: Stimulanzien wie Medikinet können den Schlaf verzögern; Melatonin kann das Einschlafen unterstützen. Wichtig ist eine kontrollierte, konstante Dosierung.
Elterliche Begleitung: Physische Präsenz beim Einschlafen kann helfen, Übergänge zu sichern, besonders bei Kindern, die sehr auf Verlässlichkeit angewiesen sind.
Quellen (Auswahl):
American Academy of Pediatrics: Autism Spectrum Disorder and Sleep
Reynolds, A. et al. (2019): Sleep in Children with Autism Spectrum Disorder
Coury, D. et al. (2014): Melatonin for Sleep in Children with Autism
DSM-5-TR: Autism Spectrum Disorder
Was wir daraus gelernt haben
Es gibt kein „richtig" oder „falsch" beim Schlafen.
Es gibt nur Wege, die für das eigene Kind funktionieren.
Geduld und Vorhersehbarkeit sind Gold wert – besonders, wenn das Einschlafen lange dauert.
Kleine Abweichungen können große Meltdowns auslösen – deshalb lohnt es sich, Strukturen konsequent einzuhalten.
Humor hilft uns durch die langen Nächte.