Unser Alltag – ehrlich, herzlich und ein bisschen chaotisch
Relativ schnell haben wir festgestellt: Ein spontanes Essen auswärts bei Freunden oder Familie? Besuche, bei denen wir zur Abendessenszeit nicht zu Hause sind? Besuch bei uns nach 17:00 Uhr?
Das klappt nicht. Weder für Finn – noch für den restlichen Abend.
Solche Abweichungen sprengen den Ablauf, überfordern Finn und machen den gesamten Abend anstrengend und unruhig.
Die entscheidende Veränderung kam erst, als wir begonnen haben, den Nachmittag konsequent zu strukturieren.
Heute läuft es so: Nach der Schule braucht Finn zunächst eine Ruhepause. Diese dauert in der Regel bis etwa 14:30 Uhr. In dieser Zeit schaut er Minecraft-Videos.
Danach beginnt seine aktive Phase. Finn spielt das Gesehene nach, bewegt sich viel und hüpft regelrecht durch das Haus.
Dieser Ablauf ist jeden Tag gleich. Und genau diese Wiederholung hat den Nachmittag für alle deutlich entspannter gemacht.
Was (noch) nicht gut klappt
Ehrlicherweise müssen wir sagen: Verpflichtungen am Nachmittag – wie zum Beispiel Hausaufgaben – haben wir bislang noch nicht stabil etabliert.
Immer wieder gab es Versuche, diese in den Ablauf einzubauen, doch bislang ohne nachhaltigen Erfolg.
Das ist ein Punkt, den wir sicher noch einmal neu anbahnen werden – mit mehr Vorbereitung, klareren Absprachen und vermutlich kleineren Schritten.
Neue Bausteine für mehr Ruhe
Was wir zusätzlich eingeführt haben, ist eine Lärmampel.
Aufgrund der zunehmenden Lautstärke im Haus haben wir dieses Hilfsmittel bewusst eingeführt, mit beiden Kindern besprochen und klare Regeln dazu vereinbart.
Die Lärmampel zeigt:
- Grün: Lautstärke ist okay
- Gelb: Es wird zu laut
- Rot: Alarmton, Pause, Lautstärke runter
Sie ersetzt kein Gespräch, aber sie visualisiert Grenzen und nimmt Emotionen aus der Situation.
Und ja: Sie bringt (noch) zusätzliche Ruhe.
Unsere Lösungen
- Feste Nachmittagszeiten ohne spontane Termine
- Keine Besuche oder Auswärtstermine zur Abendessenszeit
- Immer gleicher Ablauf nach der Schule
- Erst Ruhephase, dann aktive Spielphase
- Akzeptanz dafür, dass nicht jeder Nachmittag „produktiv" ist
- Einsatz von Weckern und Ablaufplänen
- Rechtzeitige Absprachen statt spontaner Änderungen
- Lärmampel zur visuellen Unterstützung
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich)
Nach dem Schultag sind viele autistische Kinder kognitiv und sensorisch erschöpft. Der Bedarf an Rückzug und Struktur ist am Nachmittag besonders hoch.
Studien zeigen, dass feste Routinen nach der Schule, vorhersehbare Abläufe und visuelle Hilfsmittel die Selbstregulation deutlich verbessern und Eskalationen am Abend reduzieren.
Freie Spielphasen, in denen Kinder Erlebtes nachspielen oder verarbeiten, sind ein wichtiger Bestandteil der emotionalen Regulation.
Zusätzliche visuelle Systeme wie Lärmampeln helfen dabei, abstrakte Regeln (z. B. Lautstärke) konkret und verständlich zu machen.
Quellen (Auswahl):
DSM-5-TR – Autism Spectrum Disorder
American Academy of Pediatrics – After-School Regulation
Hume et al. (2014) – Visual Supports
Ashburner et al. (2008) – Sensory Regulation
Was wir daraus gelernt haben
Nicht jeder Nachmittag muss voll sein. Nicht jeder Tag braucht Termine.
Für Finn – und auch für uns – bedeutet ein klar strukturierter Nachmittag mehr Ruhe, mehr Sicherheit und einen deutlich entspannteren Abend.
Ablaufpläne, Wecker und rechtzeitige Absprachen sind für uns der wahre Gamechanger.