Unser Alltag – ehrlich, herzlich und ein bisschen chaotisch
Am Anfang haben wir gar nichts verstanden.
Unser Gedanke war oft: „Der ist einfach bockig."
Wir haben das Verhalten gesehen, aber nicht verstanden, was dahintersteckt.
Erst als Sams Therapeut:innen uns Informationsmaterialien zur Verfügung gestellt und uns individuell geschult haben, wurde uns langsam klar, was da eigentlich passiert – und dass es nicht „das eine Verhalten" gibt, sondern ganz unterschiedliche Formen der Überforderung.
Der eigentliche Gamechanger kam jedoch erst später.
Wir haben begonnen, eine Tabelle zu erstellen:
Welche Anzeichen zeigt Finn vor einem Meltdown?
Welche Anzeichen sprechen eher für einen Shutdown?
Diese Signale haben wir klar benannt, gemeinsam besprochen
und konkrete Maßnahmen festgelegt:
Was tun wir, wenn diese Signale auftreten?
Was lassen wir unbedingt sein?
Parallel dazu haben wir mit Finn – mithilfe seiner Gefühlskarten – daran gearbeitet, wie er sich frühzeitig verständigen kann, bevor es zu viel wird.
Zusätzlich haben wir im ganzen Haus Skalen aufgehängt:
„Hier stehe ich gerade."
Sie helfen ihm einzuordnen, wie hoch seine innere Belastung ist –
auch dann, wenn Worte fehlen.
Denn was wir vorher nicht wussten:
Kurz vor einem Meltdown oder Shutdown können Kinder im Autismus-Spektrum
die Fähigkeit zu sprechen verlieren
und nur noch nonverbal kommunizieren.
Rückzugsorte zuhause
Wir haben für Finn immer wieder andere Rückzugsorte angeboten, zum Beispiel einen eigenen Ort im Garten oder die Dusche.
Aber wir stellten fest: Überall, wo auch seine kleinere Schwester hinkam – damals im Alter von zwei Jahren – klappte es nicht. Sie verstand ja noch nicht, wie das mit Rückzugsorten ist.
Deshalb hat Finn in seinem Zimmer unter seinem Hochbett einen eigenen Rückzugsort bekommen: sein Sitzkissen und ein Weltraumvorhang. Es ist ruhig und strukturiert.
Außerdem ist dort ein Regal mit seinen Büchern, in denen er dann lesen oder blättern kann, wenn es mal zu viel wird.
Was uns auch aufgefallen ist: Je mehr wir die Erkrankung und Finn verstanden haben und je mehr wir mit ihm gezielte Absprachen und Abläufe eingehalten haben, desto weniger braucht er seinen Rückzugsort – und desto besser geht es ihm auch.
Unsere Lösungen
- Aufklärung und Schulung durch Therapeut:innen
- Unterscheidung zwischen Meltdown und Shutdown
- Frühwarnzeichen systematisch beobachten und benennen
- Klare Absprachen: Was tun wir bei welchen Signalen?
- Gefühlskarten zur Unterstützung der Selbstwahrnehmung
- Belastungsskalen im Alltag sichtbar machen
- Rückzugsorte schaffen – jederzeit zugänglich
- Akzeptanz statt Korrektur im Eskalationsmoment
Das sagt die Wissenschaft (kurz & verständlich – mit Begriffserklärung)
Was ist ein Meltdown?
Ein Meltdown ist eine unkontrollierbare Stressreaktion auf eine massive Überforderung des Nervensystems. Er ist kein Wutanfall und kein bewusstes Verhalten.
Typisch sind: lautes Schreien oder Weinen, Weglaufen oder Fallenlassen, körperliche Unruhe oder Aggression, völliger Kontrollverlust.
Das Gehirn befindet sich dabei im Überlebensmodus („Fight or Flight").
Was ist ein Shutdown?
Ein Shutdown ist das Gegenteil eines Meltdowns – nach außen ruhig, nach innen genauso überfordernd.
Typisch sind: Rückzug, Erstarren, Nicht-Reagieren, Sprachverlust, Abwesenheit.
Auch hier ist das Nervensystem überlastet, nur mit einer anderen Reaktionsstrategie.
Warum Sprache verloren gehen kann
Bei hoher Stressbelastung wird der präfrontale Cortex (der für Sprache, Planung und Kontrolle zuständig ist) vorübergehend heruntergefahren.
Das erklärt, warum Kinder nicht mehr sprechen können, Aufforderungen nicht ankommen und Diskussionen wirkungslos sind.
In diesem Zustand ist Co-Regulation entscheidend, nicht Erziehung.
Warum Frühwarnzeichen so wichtig sind
Studien zeigen, dass das Erkennen früher Stresssignale und rechtzeitiges Gegensteuern die Häufigkeit und Intensität von Meltdowns deutlich reduziert.
Quellen (Auswahl):
DSM-5-TR – Autism Spectrum Disorder
American Academy of Pediatrics – Emotional Regulation in ASD
Porges (2011): Polyvagal Theory
Mazefsky et al. (2013): Emotion regulation in autism
Was wir daraus gelernt haben
Ein Meltdown ist kein Versagen. Weder von Finn – noch von uns.
Er ist ein Zeichen dafür, dass es zu viel geworden ist.
Wenn wir Verhalten nicht bewerten, sondern verstehen wollen, entsteht echte Unterstützung.